Facebook: Höhenflug beendet? Ein paar Antworten.

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Bei meinen täglichen Streifzügen durch das Netz bin ich heute (zum ersten Mal) bei schieb.de gelandet und musste über einen Artikel vom 27.06.2012 schmunzeln. 

Schieb.de titelt “Facebooks Höhenflug beendet: Viele Flops bremsen das soziale Netzwerk aktuell aus“, beim Durchlesen des Artikels ist mir aufgefallen, dass je nach Betrachtungsweise und Themenaffinität die Betrachtungsweise von Person zu Person doch sehr unterschiedlich scheint – gerade in dieser Woche habe ich einen (kürzeren) Artikel publiziert, der erklärt, warum der “Facebook Hype” nicht vorbei ist. Einige Passagen aus dem Artikel möchte ich gerne hier aus meiner Sicht beleuchten, ein paar Anmerkungen hinzufügen und einige offensichtlich falsche Passagen richtigstellen.

Sponsored Stories – unheimlich unheimlich – oder wenn das Prinzip Missverstanden wird…

Schieb.de schreibt im Artikel zu Sponsored Stories von Facebook:

schieb.de:
Es gibt so manche Eigenheit von Facebook, die viele User nicht mögen. Beispiel: “Sponsored Stories”. Wer beim Surfen etwas entdeckt, das ihm gefällt, klickt auf “Gefällt mir”. Schon können alle Freunde in der Facebook-Chronik sehen, wofür man sich begeistert hat. Allerdings macht Facebook mitunter ungefragt Werbung mit der Gefällt-mir-Funktion. Dann erscheint bei Freunden ein Werbebanner mit Gesicht und Kommentar des Users.

Facebook Sponsored Story Ads verstärken Interaktionen des Benutzers und zeigen diese seinen Freunden. Bei diesen Interaktionen handelt es sich um Aktionen, die für Freunde über Newsfeed oder Ticker grundsätzlich sichtbar sind und durch den werbenden Seitenbetreiber gegen Bezahlung im Werbebereich verstärkend eingesetzt werden können. Bei diesen Sponsored Stories von Facebook gibt es mehrere unterschiedliche Ad-Typen, jedoch keinen Ad-Typ, der einen Kommentar eines Benutzers, der auf einer Facebook Seite hinterlassen wurde, bei Freunden des Benutzers anzeigt. Dargestellt werden entweder Handlungen wie das “gefällt mir” auf einer Facebook Seite (Sponsored Story Page Like Ad), ein Check-In bei einem Facebook Ort (Sponsored Story Place Check-In Ad) oder wenn ein Nutzer einen Beitrag auf einer Seite mit “gefällt mir” markiert (Sponsored Story Page Post Like Ad).

Story Ads Typen (Page Like / Page Post Like / Place Check-In)

Story Ads Typen (Page Like / Page Post Like / Place Check-In)

Alle anderen Story-Ads von Facebook stehen in Verbindung mit Apps oder dem Sharing von Inhalten von Drittwebseiten. Die zitierte Passage bei Schieb.de ist somit falsch. Noch kurioser ist die nächste Passage:

schieb.de:
Auf diese Weise entstehen absurde Fälle. Ein Mitarbeiter der New York Times hat spaßeshalber auf einer Webseite, auf der Gleitcreme verkauft wird, “Gefällt mir” geklickt – und einen Kommentar geschrieben, dass er davon gleich mehrere Fässer (Gallonen) bestellen will… Das ist dann in der Werbespalte bei Freunden erschienen.

Falls die Story mit dem Mitarbeiter der New York Times stimmt, wurde der “gefällt mir”-Klick durch ein “Page Like Ad” verstärkt und seinen Freunden im Werbebereich angezeigt. Sein Kommentar wäre dann nur für Freunde sichtbar, falls diese die Seite des Gleitcreme-Herstellers besucht hätten und dort die Standard-Filter-Einstellung “Höhepunkte” auf “Aktivitäten von Freunden” setzen würde.

Umstellung der Standard-Filter-Einstellung "Highlights" auf "Aktivitäten von Freunden"

Umstellung der Standard-Filter-Einstellung “Höhepunkte” auf “Aktivitäten von Freunden”

Diese Anzeige wäre dann wiederum berechtigt und normal – Beiträge auf Facebook Seiten gelten gemäss den Richtlinien für Seiten als “öffentlich und für jeden sichtbar, der die Seite sehen kann” (Nutzungsbedingungen für Facebook Seiten: 1. Allgemeines / Abschnitt C).

schieb.de:
Weil die Freunde einen kennen und ein Gesicht sehen, bekommt so eine Werbung natürlich eine höhere Aufmerksamkeit als eine normale Werbegrafik. Firmen wie Amazon bezahlen Facebook dafür, nach passenden “Gefällt-Mir”-Klicks zu suchen und daraus Werbebanner zu basteln.

Wenn Facebook bereits schon zu wenig Mitarbeiter hat um sämtlichen Verkaufs- und Entwicklungsbestrebungen nachzukommen, wie sollte es möglich sein, dass Facebook passende Werbebanner bastelt ;-)…

Kein Opt-Out für Sponsored Stories

Auch die nächsten Passagen zu den Sponsored Stories sind eindeutig falsch:

schieb.de:
Im Mai haben sich einige Amerikaner dagegen gewehrt, von Facebook auf diese Weise ungefragt für bezahlte Werbung missbraucht zu werden und haben geklagt. Die Folge: Jetzt kann jeder Facebook-Nutzer in seinen Privatsphäreeinstellungen eintragen, ob er in solchen “Sponsored Stories” auftauchen will oder nicht. Die meisten wollen eher nicht. Facebook musste eine Kontrollfunktion installieren. Deshalb gibt es in den Privatsphäre-Einstellungen nun unter “Werbeanzeigen > Anwendungen und Webseiten” eine neue Funktion “Werbeanzeigen”. Unter “soziale Werbeanzeigen bearbeiten” können User ausschließen, in einer gesponserten Meldung aufzutauchen. Wer das nicht will, sollte das auch machen.

Für Sponsored Stories gibt es kein Opt-Out, der beschriebene Bereich innerhalb der Privatsphäre-Einstellungen bezieht sich auf herkömmliche Ads mit sozialem Kontext:

Hinweis in den Privatsphäre-Einstellungen

Hinweis in den Privatsphäre-Einstellungen

Facebook schreibt dazu:

Diese Einstellung trifft nur auf Werbeanzeigen zu, die wir mit Neuigkeiten über soziale Handlungen kombinieren. Unabhängig von dieser Einstellung kannst du soziale Handlungen auch weiterhin in anderen Zusammenhängen sehen, z. B. in gesponserten Meldungen oder gemeinsam mit Nachrichten von Facebook. Im Hilfebereich kannst du mehr über die Funktionsweise von sozialen Werbeanzeigen, gesponserten Meldungen und Nachrichten von Facebook erfahren.

Die entsprechende Einstellung ist zudem nicht neu, sondern besteht schon seit 2009, mehr dazu hier: Facebook: Werbung mit User-Fotos – wie schütze ich meine Privatsphäre?

Mehr Informationen zu Werbung auf Facebook (mit bewegten Bildern) gibt es hier: “Über Facebook Werbung

Die Facebook Aktie ist Schuld

Komplett aus dem Zusammenhang gerissen sind meiner Meinung nach auch die Aussagen im Artikel zur Facebook Aktie:

schieb.de:
Die Erfolgsgeschichte von Facebook scheint vorerst gestoppt. An der Börse war die Aktie jedenfalls in den ersten Tagen kein Erfolg, die Aktie ist stark abgerutscht, erst in jüngster Zeit konnte sich das Papier etwas erholen. Der Grund liegt auf der Hand: Es gibt eben nicht wenige Nutzer, die meinen, Facebook übertreibe ein wenig, und sie ziehen ihre Daten aus Facebook ab. Das kann ein auf Wachstum ausgelegtes Unternehmen natürlich nicht freuen. Einige sprechen daher tatsächlich bereits von einem Ende des Social-Media-Hypes.

Es gibt keinerlei Anzeichen für einen Benutzerrückgang, aktuelle Zahlen dazu im Beitrag “Facebook: Woran man erkennt, dass der Facebook Hype nicht vorbei ist!

Probleme im Mobile-Bereich?

Ebenfalls hoch interessant sind die Aussagen zur Facebook Mobile-Nutzung:

schieb.de:
Facebook tut sich mitunter ein bisschen schwer, vor allem im Mobilbereich. Die Hälfte aller Facebook-User greift auch unterwegs auf Facebook zu, allerdings bietet Facebook nicht besonders viele Funktionen für unterwegs an. Beispiel: Vor Monaten hat Facebook die Foto-App Instagram gekauft, aber noch nicht bei sich integriert. Jetzt hat Facebook face.com gekauft, um die Gesichtserkennung unterwegs zu verbessern, weil die eigenen Programmierer so etwas nicht auf den Weg gebracht haben.

Genaugenommen sind es mehr als 500 Mio. der über 900 Mio. Facebook Nutzer die Facebook (teilweise) via Mobile-Gerät nutzen, also rund 55%, die Nutzer greifen auch via Mobile-Gerät auf Facebook zu. Die Nutzung erfolgt allerdings nicht ausschliesslich über das Mobile-Gerät, viele Mobile-Nutzer verwenden zusätzlich ebenfalls Facebook am PC / Notebook.

Die Integration von Instragram in Facebook wurde tatsächlich (noch) nicht vorgenommen, schuld daran dürfte allerdings auch der Umstand sein, dass die Wettbewerbskommission (Federal Trade Commission) den Kauf zuerst erlauben, bzw. prüfen muss, mehr dazu im Artikel “FTC to investigate Facebook purchase of Instagram” bei CNET.  Untätig im Bereich Fotos blieb Facebook allerdings nicht, die Veröffentlichung der “Camera App” vor knapp einem Monat dürfte viele iPhone-Nutzer freuen.

Auch der Kauf von face.com dürfte nicht auf Grund der “Unfähigkeit der Facebook Entwickler” eingefädelt worden sein. Facebook hat in der Vergangenheit immer wieder verschiedene Akquisitionen vorgenommen um spezialisiertes KnowHow zu erwerben, mehr dazu auch hier:  “List of acquisitions by Facebook“. Ein derartiger Wachstum wie Facebook ihn erlebt hat, wäre mit grosser Wahrscheinlichkeit ohne Zukäufe von spezialisierten Unternehmen unmöglich, beachtet man beispielsweise die ausgeschriebenen Stellen bei Facebook wird jedem normalen HR-Verantwortlichen ziemlich schwindelig…

Aber auch die Facebook-App selbst ist mehr als verbesserungswürdig. Egal ob iOS, Android oder Windows Phone: Die offizielle Facebook-App ist überfrachtet, unübersichtlich und vor allem langsam, dass es kaum noch Spaß macht, Facebook unterwegs zu nutzen. Man kann es überall lesen und hören: Die App kommt nicht gut an, weil sie langsam und träge ist, egal ob man etwas hochladen oder lesen will. Facebook verärgert seine Mitglieder, und das in einem der wichtigsten Bereiche.

Interessanterweise habe ich diese Problematik auf meinen Mobile-Geräten (HTC Sensation XL mit Android-App und iPad mit iOS-App oder m.facebook.com) nicht, möglicherweise weil mein Schweizer Mobile-Provider Swisscom eine (zumindest in den Ballungszentren) hervorragende Infrastruktur mit schneller Datenübertragung bietet oder ich grundsätzlich weiss, wie die Facebook App zu bedienen ist. Die Update-Frequenz der einzelnen Applikationen ist meiner Meinung nach relativ hoch, Fehlfunktionen werden laufend behoben und neue Features hinzugefügt.

Try and error – oder auf veränderte Marktsituationen/-anforderungen reagieren…

schieb.de:
Die Unzufriedenheit vieler User ist nicht das einzige Problem. Facebook scheint auch etliche Funktionen zu deaktivieren in letzter Zeit, die nicht wirklich funktioniert haben, zum Beispiel die eigene Währung “Facebook Credits”. Eigentlich wollte Facebook mit seinen “Credits” ein eigenes Zahlungsmittel einführen, aber niemand wollte es benutzen, die User nicht, aber auch nicht die Anbieter, auch die Spieleanbieter haben die Credits links liegen gelassen.

Der “Abschuss” von Facebook Credits dürfte weniger auf Grund von fehlendem Erfolg, sondern vielmehr basierend auf erweiterten Anforderungen der App-Anbieter erfolgt sein. Die Erweiterung der Zahlungsmöglichkeiten mit lokalen Währungen wird einerseits eine wesentlich höhere Akzeptanz bei Entwicklern hervorrufen und andererseits diverse Abläufe wesentlich vereinfachen. Mehr zu “Subscriptions and local currency pricing” gibt es im Developer Blog. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass ein “Startup”-Unternehmen wie Facebook überaus flexibel reagiert – neue Ideen werden getreu dem Motto “done is better than perfect” umgesetzt, Nachjustierungen bei veränderten Marktverhältnissen und -anforderungen werden laufend vorgenommen. Im Gegensatz zu vielen etablierten und bereits schon lange am Markt bewährten Unternehmen werden laufend Anforderungen analysiert und bei Bedarf gehandelt. Die Gefahr eines “Festfahrens” oder einer Trägheit, wie man dies bei diversen Silicon Valley Unternehmen in der Vergangenheit betrachten konnte, dürfte somit wesentlich kleiner sein und den Aktionären zusätzliche Sicherheit bringen.

Sorry, ich verstehe nicht…

Bei den nächsten Aussagen im schiebe.de-Artikel habe ich Verständnisprobleme und verstehe irgendwie nicht, was der Autor ausdrücken möchte:

schieb.de:
Auch wird es zunehmend ein Problem für Facebook, dass es keine relevanten Inhalte gibt: eBooks, Fotos, Filme, Musik – kann man alles auf Facebook empfehlen, aber in der Regel nicht auf Facebook hören oder anschauen, sieht man mal von der Ausnahme Spotify ab, ein Musik-Streamingdienst, wo man auch kostenlos Musik hören. Die anderen Anbieter, namentlich Apple, Microsoft und Google, geben gerade hier aktuell Gas: Sie sorgen dafür, dass ihre App-Stores und Marketplaces zur zentralen Anlaufstelle werden, um neben Apps auch Musik, Filme oder Spiele kaufen zu können. Das hat Facebook bislang nicht auf den Weg gebracht. Es gibt zwar jetzt auch ein App-Center von Facebook, aber das ist mehr oder weniger nur eine Empfehlungsliste, welche Apps es gibt, mehr nicht.

Eventuell verwende ich ein anderes Facebook als der Autor des schieb.de-Artikels, ich kann in “meinem” Facebook Fotos und Filme betrachten, mir Musik anhören (nicht nur über Spotify, welches übrigens eine Dritt-Applikation ausserhalb von Facebook ist). Ob ich allerdings eBooks in Facebook lesen möchte, weiss ich nicht wirklich, aktuell sagt mein Bauchgefühl eher nein dazu. Ich frage mich auch, ob eine Plattform wie Facebook vermehrt “relevante” Inhalte integriert anbieten soll oder mir eben die Empfehlungen von für mich relevanten Inhalte durch Freunde wichtiger sind, welche ich dann auf x-beliebigen Plattformen (eventuell mit Anbindung über die Facebook API) konsumieren kann. Im Gegensatz zu Apple, Microsoft und Google bietet Facebook (noch) kein eigenes Betriebssystem für Geräte zur Verfügung (Apple = iOS, Microsoft = Windows, Google = Android), jedoch bietet Facebook für sämtliche dieser Betriebssysteme (und noch für zwei drei weitere) Anbindungsmöglichkeiten via API…

Innovation bei Facebook ein Fremdwort

schieb.de:
Es hat den Anschein, als hinke Facebook gerade einigen Trends hinterher. Das wird nicht gleich den Exodus von Facebook bedeuten, wie manche behaupten, es kratzt aber definitiv am Image des Höhenfliegers. Der rasante Aufstieg von Facebook scheint zunächst gebremst. Facebook ist in der Realität angekommen und muss sich nun überlegen, wie es weitergeht, denn anderenfalls werden die User dem Netzwerk den Rücken kehren. Tatenlosigkeit und Ideenlosigkeit: Das war auch der Anfang vom Ende bei SchuelerVZ und StudiVZ.

Wo der Autor recht hat, hat er recht, Tatenlosig- und Ideenlosigkeit war schon öfters der Anfang vom Ende bei vielen sozialen Netzwerken (aber auch bei vielen Unternehmen). Das Facebook auf Grund von fehlender Innovation, Tatenlosigkeit und fehlenden Ideen zu Grunde geht, habe ich nicht. Vielmehr habe ich Angst, dass Facebook auf Grund von fehlendem Verständnis für die teilweise weit vor dem Trend liegenden innovativen Ideen und Funktionen nicht oder zuwenig verstanden wird. Artikel, wie der hier zitierte von schieb.de, tragen zur Desinformation über Facebook und die darin enthaltenen Möglichkeiten ebenfalls ihren Teil bei.

Fazit

Wie anfangs im Artikel erwähnt, können Betrachtung und Wahrnehmung je nach Perspektive des Betrachters sehr weit auseinander gehen. Allerdings betrachte ich ein Auto ebenfalls mit einem anderen Blickwinkel, als dies ein Auto-Ingenieur macht. Gefährlich finde ich es aber, wenn ich als Nicht-Auto-Experte über die Zukunft des Autos philosophiere oder urteile, mich aber nicht mit den Möglichkeiten der heutigen Autos tiefer auseinandersetze und Zusammenhänge verdrehe – der Dieselmotor hat ja meines Wissens auch keinen Einfluss auf die elektrischen Fensterheber.

Autor: Thomas Hutter (1263 Posts)

Thomas Hutter (38) ist Inhaber und Geschäftsführer der Hutter Consult GmbH. Er berät grosse und mittlere Unternehmen, Organisationen und Agenturen in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Niederlanden rund um den strategischen und nachhaltigen Einsatz von digitaler Kommunikation und digitalem Marketing in und mit sozialen Netzwerken.

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