Facebook: es reicht! [Kommentar] – eine Frage der Sichtweise

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Sommerloch! Vielen Blogs und Webseiten fehlen die Leser, welche lieber in den Ferien am Strand weilen. Was tun? Leser anlocken! Wie? Mit einem Artikel, welcher entweder einen verlockenden Titel hat, provoziert, negative Themen aufnimmt, anprangert oder alle vorher genannten Punkte vereint. Noch mehr Leser und Kommentare gibt es, wenn darin Facebook, Google, Apple oder sonst ein Tech-Gigant angeprangert wird.

Über einen solchen Sommerloch-Artikel bin ich heute von Falk Hedemann auf der t3n-Website gestolpert: “Facebook, es reicht! [Kommentar]“. Bei einigen Passagen musste ich schmunzeln, andere haben mich verärgert – ich schätze normalerweise die Artikel von Falk Hedemann, hätte aber von einem Medium mit einer Online-Reichweite wie t3n.de eine fundierte Recherche und eine differenziertere Betrachtung  erwartet…

Ein paar Gedanken zu Falk Haldemanns Kommentar:

Böses Facebook (I) – Datenschutz/Privatsphäre

Allein in Deutschland fordern die Datenschützer seit Jahren massive Veränderungen im Bereich der Privatsphäre, denen Facebook nur widerwillig oder auch gar nicht nachkommt.

Die Bestrebungen von Facebook in den vergangenen Monaten gehen in die richtige Richtung, allerdings muss man dazu auch schreiben, dass nirgends sonst auf der Welt ein so “spezielles” Verhältnis zur Privatsphäre oder zum Datenschutz herrscht wie in Deutschland. Ganz viele der in Deutschland geführten Diskussionen sind beispielsweise in der Schweiz (und in den meisten anderen Ländern) absolut kein Thema und sind auf teilweise falsch recherchierten Berichte der Presse zurück zu führen. Anpassungen für ein einzelnes Land vorzunehmen, dürfte bei einem Netzwerk wie Facebook sehr schwierig sein und auf Grund der Bedeutung von Deutschland (nur 2.6% der Facebook Nutzer sind aus Deutschland) im globalen Kontext nicht wirklich wichtig. Interessanter Weise scheint hier die rechtliche Situation auch nicht 100%ig klar zu sein, ich bin zwar kein Rechtsgelehrter, wäre aber die rechtliche Situation klar, hätten Politiker oder Datenschützer die Möglichkeit gegen Facebook vorzugehen und eine Sperrung der Seite zu verlangen. Ist dies nicht möglich, müssten die entsprechende Gesetzte angepasst werden, ein Bashing von Facebook wäre dann aber nicht korrekt.

Sollte der Datenschutz, bzw. die Privatsphäre ein so grosses Problem darstellen, wie im Artikel erwähnt, müsste t3n.de als gutes Beispiel vorangehen und sämtliche Verbindungen kappen, dh. Share-Button, Like-Box, Connect für die Registration, Tweet-this- und Google+-Button entfernen – ansonsten müsste man annehmen, dass die kommerziellen Vorteile über dem Datenschutzthema stehen.

Böses Facebook (II) – Sponsored Stories

Jüngst sorgten die automatisierten Posts, die Facebook im Namen unwissender Nutzer als Werbebotschaften für Pages versendet, für neuen Unmut. Nicht jeder möchte ohne eigenes Zutun und ohne Kenntnis Werbung für alle Seiten machen, deren Fan er ist.

Sponsored Stories sind keine automatisierten Posts und dürften auch nicht als solche aufgenommen werden. Im Artikel wird zwar anschliessend beschrieben, dass es sich dabei um Sponsored Stories handelt und diese auch über die Privatsphäre-Einstellungen deaktiviert werden können. Problematisch ist viel mehr, dass viele Benutzer sich zwar beklagen, dass die Privatpshäre-Einstellungen nicht genügend sind, jedoch keine Zeit dafür aufwenden möchten, die entsprechenden Bereiche innerhalb von Facebook durchzulesen und zu studieren. Wenn ich eine neue Software verwenden möchte, muss ich mich mit den Funktionen auch entsprechend auseinandersetzen. Interessanterweise liefert hier der Infobereich zu Ads und der Hilfebereich von Facebook zum Thema Werbeanzeigen sehr viele gut aufbereitete und verständliche Informationen.

Böses Facebook (III) – Big brother is watching you

Als wäre das noch nicht genug, sorgt ein weiterer massiver Eingriff in die Privatsphäre für die nächste Diskussion: Facebook scannt Chats und Nachrichten nach bestimmten Begriffen, um bei der Aufdeckung von Straftaten behilflich zu sein. Das hört sich ja durchaus löblich an, aber wo sind die Grenzen?

Hier gehe ich mit Falk Haldemann einig, Facebook bewegt sich hier auf wackeligem Terrain mit sehr schwierigen Abgrenzungen. Allerdings habe ich hier vor einer primär maschinellen Überwachung absolut keine Angst, da ich einerseits keine vertraulichen und sehr persönlichen Informationen via Chat und Nachrichten austausche und andererseits weder Straftaten plane noch beabsichtige. In diesem Fall ist mir eine systematische Überwachung lieber, wenn dafür Straftaten verhindert werden können – oder mit anderen Worten: “jede so verhinderte Straftat ist gut”. In wie weit welche Rechte verletzt werden, kann ich nicht beurteilen und überlasse dies gerne den Rechtsgelehrten.

Böses Facebook (IV) – unberechenbarer Partner?

Gefährlich werden könnte Facebook nun aber eine zweite Gewitterfront, die aus der anderen Richtung heranzieht – die Unternehmen. Meldungen wie die ohne Angabe von Gründen abgeschaltete Fanpage der Tierschutzorganisation TASSO e.v. sorgen nicht gerade für ein ungeteiltes Vertrauen in die Plattform. Immerhin lassen sich viele Unternehmen, Marken und Organisationen ihren Facebookauftritt einiges kosten. Doch wenn diese Investitionen von nun auf jetzt plötzlich ins digitale Nirvana verschoben werden, dann ist das nicht nur ärgerlich, sondern kann unter Umständen auch einen Vertrauensverlust nach sich ziehen.

Unternehmen, welche seriös und mit kommerziellen Interessen Facebook betreiben, setzen Facebook Ads ein. Sobald Facebook Ads in einem grösseren Rahmen eingesetzt werden, steht ein Account Manager zur Verfügung, allfällige Probleme lassen sich in der Regel über einen AM problemlos regeln. Leider ist es häufig so, dass Unternehmen und Organisationen rund um Facebook von ihren Agenturen schlecht oder unzureichend beraten werden oder der/die Social Media Verantwortliche mit gefährlichem Halbwissen Dinge unternimmt, welche gegen Richtlinien von Facebook verstossen und diese Verstösse dann die Ursache für eine Verschiebung in das digitale Nirvana sind. Bedenkt man, dass Unternehmen kostenlos auf Facebook agieren, muss auf das Gastrecht bei Facebook hingewiesen werden – bzw. bestimmt der Hausherr die Regeln.

Böses Facebook (V) – Chronik

In die gleiche Kerbe schlagen auch vermehrte Ausgaben für den Facebook-Auftritt, die durch die alles andere als perfekte Informationspolitik von Facebook verursacht werden. Ein Beispiel: Als Facebook die Chronik für Fanseiten ankündigte, hatten die Betreiber noch genau vier Wochen Zeit, um ihre Seiten an die neue Optik anzupassen. Alle Seiten, die gerade erst ein Redesign hinter sich hatten, mussten also gleich wieder ran. Hier wäre eine längere Vorlaufzeit sicher nicht nur nützlich, sondern gerade für Seiten mit schmalem Budget sogar zwingend erforderlich gewesen.

Wo lag der grosse Aufwand bei der Umstellung auf die Chronik? Ein Coverbild ist mit wenig Aufwand zu erstellen, je nach Anspruch wird dazu weder ein Art-, noch ein Creativ-Director benötigt. Sämtliche Tab-Applikationen konnten ohne Aufwand in die Timeline übernommen werden und laufen heute noch ohne Veränderung mit 520 Pixel.  Kunden, die Wert darauf legen, Applikationen im neuen Erscheinungsbild mit 810 Pixel darzustellen, haben entsprechend bessere Möglichkeiten erhalten (die verbreiterte Darstellung war übrigens ein häufig von Developern geäusserter Wunsch), Seitenbetreiber “ohne” Budget, mussten somit bis heute nichts verändern.

Böses Facebook (VI) – Edgerank / Promoted Posts

Ebenso unverständlich ist es für Unternehmen mit Fanseiten, dass der Edgerank von Facebook zuerst für eine künstlich erzeuge Knappheit sorgt, indem nicht alle Fans einen neuen Post zu sehen bekommen, Facebook aber auf der anderen Seite eine kostenpflichtige Möglichkeit schafft, diese künstliche Knappheit wieder aufzuheben (Promoted Posts).

Der EdgeRank verknappt nicht künstlich die Sichtbarkeit publizierter Inhalte sondern ermittelt die für den Benutzer relevanten Inhalte. Wird die Sortiereinstellung im Newseed von “Hauptmeldungen” auf “Neueste Meldungen” umgestellt, sind sehr wohl die publizierten Inhalte sichtbar. Eine “künstliche Verknappung” ist angesichts der extrem zahlreichen Inhalte gar nicht notwendig, dazu eine einfache theoretische Rechenaufgabe:

User X hat 130 Freunde und ist Fan von 20 Seiten und Mitglied von 4 Gruppen. Jeder Freund, jede Seite und jede Gruppen publizieren im Schnitt eine Meldung (Text, Bild, Video) pro Tag.
Wie viele Meldungen würde somit User X pro Tag sehen?
Wie viele Male müsste User X ans Seitenende scrollen, damit weitere Inhalte nachgeladen werden, wenn durchschnittlich 40 Meldungen angezeigt würden?
Was wäre damit, wenn User X nur jeden zweiten Tag Facebook besuchen würde?
Und was wäre, wenn User X nicht 130 sondern 300 Freunde hat, Fan von 40 Seiten und 10 Gruppen ist und jeder Verbindungspunkt täglich 2.5 Meldungen publizieren würde?
Wie stark würde die Wahrnehmung der einzelnen Publikation zunehmen, wenn Unternehmen auf alle die belanglosen Nonsense- oder Bullshit-Postings wie “wir wünschen allen unseren lieben Fans eine gute Nacht und freuen uns morgen wieder mit euch zu interagieren” verzichten würden?

So viel zur Theorie. Die “Promoted Posts” lösen teilweise diese Problematik und erlauben es dem Betreiber einer Facebook Seite vereinfacht und schnell über Story-Ads im Newsbereich eine höhere Sichtbarkeit zu erhalten. Übrigens sind diese “Promoted Posts” theoretisch nicht wirklich neu sondern konnten im Werbebereich bereits seit der Einführung der Sponsored Stories gebucht werden, neu ist nur die Platzierung im Newsfeed.

Der Facebook IPO

Doch langsam verändert sich die Situation für Facebook. Kritik kommt nun nicht nur von den Nutzern, den Datenschützern und den Unternehmen, sondern auch noch von den Aktiönären. Die sehen dem Werteverfall ihrer Anteile nicht tatenlos zu und fordern noch mehr Wachstum und vor allem bessere Unternehmenszahlen. Ich bin überzeugt davon, dass die beiden jüngsten Aufreger bereits daraus resultieren.

Ich bin auch Aktionär und habe noch keine Kritik geäussert, auch habe ich noch keine kritischen Berichte im Wirtschaftsbereich gelesen, dass Aktionäre Druck ausüben würden. Vielleicht sollte man hier einfach mal Abwarten, wie sich Facebook entwickeln wird, Aktionäre und Investoren, welche die Informationen zum Börsengang (Registration) aufmerksam gelesen haben, dürften den Brief von Mark Zuckerberg nicht übersehen haben (siehe “Letter from mark Zuckerberg“), hier die wichtigste Passage aus dem Brief:

Our Mission and Our Business

As I said above, Facebook was not originally founded to be a company. We’ve always cared primarily about our social mission, the services we’re building and the people who use them. This is a different approach for a public company to take, so I want to explain why I think it works.

I started off by writing the first version of Facebook myself because it was something I wanted to exist. Since then, most of the ideas and code that have gone into Facebook have come from the great people we’ve attracted to our team.

Most great people care primarily about building and being a part of great things, but they also want to make money. Through the process of building a team — and also building a developer community, advertising market and investor base — I’ve developed a deep appreciation for how building a strong company with a strong economic engine and strong growth can be the best way to align many people to solve important problems.

Simply put: we don’t build services to make money; we make money to build better services.

And we think this is a good way to build something. These days I think more and more people want to use services from companies that believe in something beyond simply maximizing profits.

Meiner Meinung nach sind diese Aussagen eine klare Ankündigung an die Aktionäre…

Mehrwert durch Neuerungen

Mal ehrlich: Wann gab es zuletzt mal ein neues Feature bei Facebook, über das man sich uneingeschränkt freuen konnte?
Ach egal, Hauptsache ich treffe dort alle meine Freunde! Ja? Wirklich? Reicht euch das?

Facebook verfolge ich seit längerer Zeit, die meisten der neuen Funktionen haben, wenn man nicht allen Veränderungen prinzipiell negativ gegenübersteht, schöne Mehrwerte gebracht, ich nenne hier zum Beispiel die Chronik für private Profile und Chronik für Seiten, Timeline-Apps, der neue Werbebereich, Gesichtserkennung, Lokalisierungsmöglichkeiten, Check-in, laufend verbesserte Mobile-Versionen, grössere Bilddarstellungen, etc. etc. etc.

Ich treffe eine Vielzahl meiner Freunde auf Facebook, ich schätze den täglichen Austausch, egal ob ein lustiges Bild, ein Bild eines glücklichen Freundes, seiner Familie, Gedanken, belanglose Blödeleien, tiefgehende Diskussionen oder ein kurzes “hallo wie gehts?” im Chat mit einem Verwandten im Ausland, ein Geburtstagsgruss an der Pinnwand, Ferienbilder aus den Malediven oder das neuerstandene Gadget. Ich denke, dass es ganz vielen meiner Freunden und auch vielen anderen Facebook Nutzern gleich ergeht.

Hohes Tempo nötig

Sicherlich ist das von Facebook vorgegebene Tempo hoch und (über)fordert viele Nutzer und Unternehmen stark, allerdings kann gerade dieses hohe Tempo extreme Vorteile bringen, während andere Plattformen auf Grund fehlender Innovationen kränkeln oder sogar sterben, bzw. bereits gestorben sind, bringt Facebook laufend neue Funktionen und alte Funktionen werden verbessert oder abgelöst. Um die Mission von Facebook zu erfüllen

Facebook’s mission is to make the world more open and connected

ist stetiger Fortschritt notwendig. Mahatma Gandhi sagte einmal “Wer einen Fluss überquert muss die eine Seite verlassen”.

Nachtrag / Disclaimer

Auf Wunsch von Falk Haldemann füge ich für die Leser, die es nicht sofort erkennen können, hier noch an, dass ich Unternehmen und Organisationen rund um Facebook Marketing berate, Seminare zu Facebook Marketing anbiete und mich professionell mit dem Thema Facebook befasse.

Autor: Thomas Hutter (1243 Posts)

Thomas Hutter (38) ist Inhaber und Geschäftsführer der Hutter Consult GmbH. Er berät grosse und mittlere Unternehmen, Organisationen und Agenturen in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Niederlanden rund um den strategischen und nachhaltigen Einsatz von digitaler Kommunikation und digitalem Marketing in und mit sozialen Netzwerken.

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