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21.04.2016 Thomas Wort zum Freitag

Thomas Meyers Wort zum Freitag: Faszination Facebook Live – Oder: Warum mitmachen besser als zusehen ist…

Mit Voyeurismus ist es wie mit Helene Fischer, der Bildzeitung oder dem Bachelor. Keiner gibt es zu, aber alle finden wir es geil. Aber warum ist das so? Warum ist das „Zusehen“ so interessant? Was ist die Faszination dahinter und wie kann ich als seriöses Unternehmen diese Dynamik nutzen und vielleicht sogar noch einen Schritt […]

Thomas Meyer
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Mit Voyeurismus ist es wie mit Helene Fischer, der Bildzeitung oder dem Bachelor. Keiner gibt es zu, aber alle finden wir es geil.
Aber warum ist das so? Warum ist das „Zusehen“ so interessant? Was ist die Faszination dahinter und wie kann ich als seriöses Unternehmen diese Dynamik nutzen und vielleicht sogar noch einen Schritt weiter gehen? Genau um diese Fragen geht es heute.
Es dreht sich alles um…Trommelwirbel…Facebook Live. Mark Zuckerbergs neustem Geniestreich.

 

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Meine Erwartungen

Was hab ich mich auf dieses Feature gefreut. Gerade ich, als riesen Fan von personalisiertem, authentischen Inhalt – gerade für mich war das der Weg raus aus dem Clickbait – sponsored Post- Katzen-Hunde-Massaker . Endlich wieder eine Möglichkeit authentischen Content zu zeigen und unglaublich viel Potential für kreative Werbestrategien und nachhaltige Brand Awareness-Kampagnen.
Die Idee dahinter ist relativ simpel. Bisher waren wir Konsumenten der Vergangenheit. Jedes Post, egal ob Text, Foto, Video oder Link, ist ein Abbild etwas bereits Geschehenen. Statisch und unveränderbar. Und genau das ist es, was Live so sexy und anziehend macht. Es hebt mich als Fan einer Marke und Zuseher auf eine ganz andere Ebene: Plötzlich konsumiere ich Gegenwart – ich bin Zeuge des Hier und Jetzt. Und schon kippt ein Schalter in mir und ich werde zum Voyeur. Ich werde in Echtzeit und in der Sicherheit meines gewohnten Umfelds Teil einer anderen Welt. Keine Statik. Voll von Überraschungen und etwaigen Wendungen. Spannend. Erregend.Faszinierend.

Was ist Schein? Was ist real?

Ich bekomme als User Einblicke in das wahre Leben des Menschen oder der Marke – in die Realität. Und genau hier ist der Punkt. Realität. Erinnert euch an die spannendsten Fernseh-Momente. Sie alle waren Teil einer Live-Übertragung (und ja, ich war zur Recherche auf ner Seite mit „die 30 spannendsten Fernseh-Momente :-)). Bisher konnten wir alles fälschen. Einfach alles. Es wurde gelogen und betrogen. Überall. Photoshop und Insta-Filter machen es möglich, die Realität so zu gestalten wie wir sie haben wollen. Doch der Schwindel fliegt mehr und mehr auf und die Masse schreit nach Echtheit – nach der Wahrheit. Ich bin keine Dramaqueen, es stimmt einfach.
Durch das völlige Wegbrechen persönlicher Inhalte und dem exponentiell steigenden Werbeaufkommen hast du als Marke plötzlich das Instrument, genau diese intimen Inhalte wieder ins Leben der Konsumenten zurückzubringen. Und genau das wollen sie auch. Und zwar nicht nur die Generation Big Brother – Alle!
Wenn du live streamst, ist Schwindeln per Definition nicht möglich. Live is Live (na na na nana).

Genau deshalb traut sich ja auch kaum jemand etwas. Aktuell gehts immer noch um „Wer ist der Schönste, Beste, Stärkste“ – die verrückte und teure Jagd nach Perfektion. Wir müssen uns endlich von dem Gedanken befreien, fehlerfrei sein zu müssen – denn das sind wir nicht. Definitiv nicht. Makel machen menschlich und kleine Fehler authentisch. Das mögen die Menschen. Perfektion ist auf Dauer verdächtig und keine Basis für eine langfristige Kundenbindung. Fehler erzeugen Sympathie und animieren zum Dialog. So, und jetzt wird es ganz crazy…Aktuell seh ich auf Facebook zu 99% Streams von irgendwelchen Veranstaltungen, Gesprächsrunden oder gar das Abfilmen von … ach ich find gar kein Wort dafür. Klar, nicht jedes Produkt garantiert volle Action und bietet Material für super geile Streams á la Red Bull und Co. Aber nochmal: darum geht es nicht. Ah, Gedanken verloren, sorry. Nochmal: Fehler erzeugen Sympathie und animieren zum Dialog.

Voyeurismus vs. Interaktion

Gut, jetzt der nächste Schritt. Will ich wirklich Voyeure? Was ist der große Nachteil von Voyeuren? Richtig, sie tun nichts. Sie geilen sich selbst auf, aber außer ihnen hat niemand was davon. Ungeil! Wir brauchen Interaktion. Wir brauchen Bewegung. Social Media muss für uns die Einbindung des Kunden bedeuten. Also binden wir ihn doch ein. Live bietet mit seiner Kommentarfunktion alle Möglichkeiten dafür. Animiert die Zuseher, aktiv mitzuwirken. Reine Zuschauer sind wie Page-Likes. Völlig sinnlos. Die Interaktion bindet den Kunden an die Marke und erzeugt Viralität. Und je authentischer und je offener der Stream, desto höher die Wahrscheinlichkeit, den Zuseher aus seinem sicheren Versteck rauszulocken und aktiv in das Geschehen einzugreifen zu lassen. Wenn ich abends in der Jogginghose mit einer Dose Bier auf der Couch herumlungere, werde ich schon aus reiner Unsicherheit nicht mit einem Hochglanz-Super-Mega-Sophisticated-Stream interagieren. Fix nicht. Entwickelt Konzepte, in denen der Zuseher mitgestalten kann. Und sei es am Anfang nur das Beantworten von Zuschauerkommentaren. Man kann sich ja nach und nach steigern. Es gibt schon ein paar coole Beispiele – der Rapper zum Beispiel, der live Userkommentare in seine Texte eingebaut hat. Großartige Idee!

Also, es gibt genug Platz für Kreativität – auch wenn euer Produkt auf den ersten Blick nicht den Ansprüchen von „Sexyness“ genügt – denn diese Ansprüche sind bald vergangen.
Der Schein lichtet sich mehr und mehr und was übrig bleibt, ist die Realität.

So, das war es für heute. Ich weiß, ich war heut etwas dramatisch, aber das Thema liegt mir auch echt am Herzen und ich steh hier besonders hinter dem, was ich sage. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und vielleicht konnte ich ja ein wenig zum Nachdenken anregen. Peace und Love!

Thomas

PS.: An alle Hacker (und ja, es gibt auch welche unter meinen Freunden) – das System Facebook Live technisch auszutricksen geht an der Idee vorbei und wird auffliegen…;-)

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